Kulturdschungel: Tuvalu

Ein Land namens ‚Tuvalu‘ dürfte den meisten kein Begriff sein. Als weltweit viertkleinster Staat mit einer Fläche von 25,66 km² und 10.640 Einwohnern macht er auch wenig von sich reden. Dabei ist der Inselstaat im Pazifischen Ozean ein Vorzeigeparadies: kleine Inseln mit Kokospalmen, weißen Strände und türkisfarbenes Wasser. Was es dort noch zu entdecken gibt, erzählen wir hier.

Dschungel der Sprache

In Tuvalu spricht man vor allem Tuvaluisch und Englisch. Tuvaluisch ist eine polynesische Sprache. Je nach Insel gibt es verschiedene Dialekte und Schriftformen.

Das Wort ‚Tuvalu‘ bedeutet auf Tuvualisch ‚acht zusammengehörend‘. Gemeint sind damit die Gebiete aus denen der Staat besteht. Insgesamt sind es sechs Atolle (Funafuti, Nanumea, Nui, Nukufetau, Nukulaelae und Vaitupu) und drei Inseln (Nanumanga, Niutao und Niulakita). Nein, ich habe mich nicht verschrieben. Tatsächlich sind es neun Gebiete, allerdings waren ursprünglich nur acht bewohnt. 1949 siedelten jedoch einige Bewohner der überbevölkerten Insel Niutao auf Niulakita über. Auf der Nationalflagge sind daher auch neun Sterne zu sehen.  

Das Englische hingegen ist Teil der tuvaluischen Geschichte: Als britische Kolonie, die erst am 1. Oktober 1978 unabhängig wurde, ist die Sprache der Kolonialherren übernommen worden.  Vor der Unabhängigkeit hieß das Territorium noch Ellice Islands.

Die starke Verbundenheit zur britischen Krone ist auch heute noch gegeben. Das Staatsoberhaupt der parlamentarischen Monarchie ist weiterhin der britische Monarch, also derzeit Elizabeth II. Ein Generalgouverneur vertritt die Monarchin auf der Insel. Das Parlament selbst hat 15 Sitze. Je zwei Mitglieder werden pro Insel gewählt. Parteien existieren nicht, sondern Stammesverbände.

Dschungel des Klimas:  Der Meeresspiegel steigt

Tuvalu ist zwar ein Paradies, aber eines, dass dem Untergang geweiht ist. Im Zuge des Klimawandels versinken die Atolle nach und nach im Meer. Auch die Inseln liegen an ihrem höchsten Punkt nur fünf Meter über dem Meeresspiegel. Zwar steigt dieser jährlich nur um wenige Millimeter, doch schon vor einer tatsächlichen Überschwemmung könnten die Gebiete unbewohnbar werden. Immer öfter dringt das steigende Meerwasser in unterirdische Süßwasserlinsen ein: Das Trinkwasser versalzt. Schon jetzt müssen einzelne Inseln mit Schiffen versorgt werden.

Tatsächlich gibt es erste Anfragen der Bewohner auf Klimaasyl. Ja, richtig gehört! Anfang des 21. Jahrhunderts fragte der Präsident Tuvalus bei der neuseeländischen Regierung an. Zunächst ohne Erfolg. Erst 2014, erklärte sich Neuseeland bereit eine vierköpfige tuvalische Familie aufzunehmen.

Dschungel der Kultur: Lebensfreude trotz Entbehrungen

Das Leben auf den Inseln ist nicht einfach. Tuvalu ist eines der unterentwickeltsten Länder der Welt. Es hat keine Bodenschätze, kaum Exporte und ebenso wenig eine Tourismusindustrie. Auf die Inseln verirren sich hauptsächlich Klimaforscher und Journalisten. Besuch ist daher jedes Mal ein Highlight: Bei jeder Ankunft eines Flugzeugs findet sich ein Großteil der Bevölkerung zur Begrüßung ein.

Der Lebensstandard auf Tuvalu ist niedrig. Der Staat lebt hauptsächlich von dem Export von Briefmarken, Fisch, Kopra und Kokosnüssen. Ein Großteil der alltäglich benötigten Dinge muss jedoch importiert werden. Doch wer nun glaubt, die Tuvaluer wären rückständig und ungebildet der täuscht sich. Auf jedem Atoll gibt es eine öffentliche Grundschule, außer auf dem winzigen Niulakita. Vaitupu besitzt außerdem eine weiterführende Schule und Amatuku (auf Funati) eine Seefahrtsschule. Zusammen mit anderen pazifischen Staaten betreibt Tuvalu außerdem die University of South Pacific. Sie hat verschiedene Standorte, einer davon ist in Tuvalus Hauptstadt Funafuti. Das Resultat ist überraschend: Nur 4% der Bevölkerung sind Analphabeten. In den USA sind es übrigens 23%.

Auch die Religion spielt eine große Rolle. Im 19. Jahrhundert bekehrten Abgesandte einer Londoner Missionsgesellschaft die Tuvaluer zu Christentum. Mit Erfolg! Heute sind circa 96% der Bevölkerung gläubige Protestanten. Die Kirche organisiert sich in 18 Gemeinden mit 23 Pastoren und hat einen großen Einfluss auf das Leben der Menschen. Entsprechend sind die meisten Feiertage der Tuvaluer christlicher Natur und unseren ähnlich. Daneben mischen sich jedoch auch ungewöhnlichere Feiertage wie etwa der Hurrikan-Tag im Oktober oder der Tag der Bombe im April.

Generell bestimmen Feste stark das soziale Leben. Zu jeder Gelegenheit wird getanzt, gesungen und geschmaust. Die Geburt eines Kindes ist dabei ebenso Anlass wie die Einweihung eines Hauses. Traditionell werden dabei Blumenkränze sowie Palmblatt- und Stoffröcke getragen. Auch der Tanz ‚Fatele‘ darf nicht fehlen. Auf Bananenblätter werden Fisch, Huhn, Schweinefleisch, Reis, Brotfrucht, Süßkartoffeln und Bananen serviert. Außerhalb der Festtage beschränkt sich die Hauptmahlzeit jedoch auf Fisch.

Dschungel der Verhaltensregeln: Einladung 

Wirst du zu einem Fest eingeladen, solltest du Einiges beachten. Zunächst einmal, zieht man in Tuvalu stets die Schuhe bevor man ein Haus betritt. Das gilt nicht nur für Privat-, sondern auch für Versammlungshäuser und Kirchen. Die Verwendung einer Sprache in Anwesenheit einer Person, die diese nicht versteht, gilt als unhöflich.

Die Bekleidung kann schick oder salopp sein. Allerdings sollten Frauen weder Miniröcke noch Bikinis tragen. ‚Oben ohne‘ oder FKK generell ist verboten.

Es gibt außerdem nicht in jedem Lokal Alkohol. Dafür bedarf es einer speziellen Lizenz. Auf Trinkgeld kannst du verzichten, in Tuvalu ist das nicht üblich.  

Dschungel der Rekorde: klein, kleiner, am kleinsten

Tuvalu ist stellt einige Minimalrekorde auf. Es ist nicht nur eines der kleinsten Länder der Welt, sondern auch die kleinste Exportnation und der am wenigsten besuchte, unabhängige Staat weltweit. Auch die Straßenkilometer sind die kleinsten: Tuvalu besitzt lediglich 8 Kilometer asphaltierte Straßen. Stattdessen setzt man hauptsächlich auf Fährbetriebe. Es gibt außerdem nur eine Zeitung und einen Radiosender. Fernsehsender können eingeschränkt über Sky Pacific empfangen werden. Einen eigenen tuvaluischen Sender gibt es derzeit jedoch noch nicht.

Daneben ist der Staat das kleinste Vollmitglied der Vereinten Nationen ohne Stimme und Einfluss. Für Tuvalu ist die seit 2000 bestehen Mitgliedschaft dennoch wichtig. Nur so kann das Land auf seine prekäre Klimalage global aufmerksam machen und Änderungen veranlassen.

Und noch was Interessantes: Top-Level-Domain TV

Die Internationale Organisation für Normung wies Tuvalu das Länderkennzeichen tv zu. Dieses Zeichen wird auch als Top-Level-Domain verwendet. International wird die Domain jedoch gerne für Internetpräsenzen von Fernsehsendern verwendet. Das brachte dem Staat eine dringend benötigte Einnahmequelle und weltweite Schlagzeilen: Der Verkauf der Domainrechte warf für Tuvalu im Jahr 2000 50 Millionen Dollar ab. Von dem Geld beschaffte Tuvalus Regierung vor allem eine IT-Infrastruktur für staatliche Einrichtungen.

von: Katja Beck

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